"Foodwatch-Chef Thilo Bode im Schinkenwerk"
20. November 2009, Allgemeine Fleischerzeitung
Nahrungsmittel-Kritiker im Dialog mit Schinkenhersteller Abraham
afz / kff. Schiltach – In der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ war Anfang August ein Streitgespräch zwischen Dr. Thilo Bode, dem Gründer und Geschäftsführer der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch e. V. und Jürgen Abraham, in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) zu sehen. Kontrovers diskutiert wurde dabei die Frage nach der Herkunft des Schweinefleischs, aus dem Schwarzwälder Schinken produziert wird.
Foodwatch-Chef Bode hatte in der Sendung den Vorwurf der Verbrauchertäuschung erhoben, weil das Fleisch für den Schwarzwälder Schinken von Schweinen stamme, die nicht im Schwarzwald, sondern in Norddeutschland oder Dänemark gemästet und geschlachtet werden. Jürgen Abraham, Gesellschafter der Abraham-Schinken GmbH, hatte dagegen argumentiert, die Spezifikation, die der geschützten geografischen Angabe „Schwarzwälder Schinken“ zugrunde liegt, verlange, dass die Herstellung des Schinkens nach einem präzise vorgegebenen traditionellen Verfahren erfolgen muss, die Herkunft des Schweinefleischs dafür aber keine Rolle spiele.
Die lebhafte TV-Diskussion endete damit, dass Jürgen Abraham den Foodwatch-Geschäftsführer Bode zu einer Betriebsbesichtigung des Abraham-Schinkenwerks Schiltach im Schwarzwald einlud, um sich vom Herstellungsstandard bei der Produktion des Schwarzwälder Schinkens zu überzeugen.
Die kürzlich erfolgte Visite von Thilo Bode in Schiltach fand im Beisein von Angelika C. Mrohs vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde in Bonn sowie Vertretern der Fach- und Lokalpresse statt. Denn das Unternehmen Abraham legt auf größtmögliche Transparenz bei der Herstellung seiner Erzeugnisse Wert. Bei einer ausgedehnten Betriebsführung erläuterten der Sprecher der Geschäftsführung von Abraham Schinken Christian Schröder, der Schiltacher Werkleiter Wilfried Brucker sowie die Leiterin des Abraham-Qualitätsmanagements, Elke Harms, den Gästen den Produktionsablauf für die Herstellung des Schwarzwälder Schinkens. Das 1981 erbaute Werk Schiltach, 2008 für 3,5 Mio. Euro modernisiert und erweitert, gehört seit 1997 zur Abraham GmbH. Jährlich werden hier die Hinterschinken von 750.000 Schweinen, die als 5 bis 6 kg schwere Teile von den Zerlegebetrieben angeliefert werden, zu Schwarzwälder Schinken veredelt. Weiterverarbeitet wird dabei ausschließlich QS-Ware, die eine lückenlose Zurückverfolgung der Herkunft der Tiere ermöglicht, versicherte Christian Schröder gegenüber den Foodwatch-Vertretern und der Presse.
Traditionell spielt die Schweinemast in der Landwirtschaft der Schwarzwald-Region eine sehr geringfügige Rolle, so dass alle Hersteller von Schwarzwälder Schinken auf Fleischlieferungen aus anderen Regionen angewiesen sind. Abraham trifft mit großer Sorgfalt die Auswahl seiner Fleischlieferanten, die angelieferten Fleischchargen unterliegen laufenden Überprüfungen.
Thilo Bodes stellte darauf die Frage, ob es gerechtfertigt sei, Schwarzwälder Schinken als eine Spezialität geografisch geschützter Herkunft zu bezeichnen, wenn das Rohmaterial für seine Herstellung aus anderen Regionen komme. Abraham Werkleiter Wilfried Brucker, der 1997 mit seinen Eltern, den seit über 120 Jahren in Schiltach ansässigen Familienbetrieb mitsamt der von seinem Großvater in den 1920er Jahren entwickelten Rezeptur für die Schinkenherstellung in die Abraham GmbH überführte, widersprach Bodes Ansicht. Das heimische Tannenholz, über dem der Schinken zwei Wochen lang geräuchert wird, die Luft des Schwarzwaldes, die bei der Trocknung die Schinken umspielt, vor allem aber das Knowhow der langjährigen Mitarbeiter, beeinflussten maßgeblich den typischen Geschmack und die hohe Qualität des Schwarzwälder Schinkens, der Hinweis auf die regionale Herkunft sei somit gleichermaßen Gütemerkmal und Verbraucherinformation.
Nahrungsmittelkritiker Bode, von der Werksbesichtigung durchaus positiv beeindruckt, konnte dieses Argument nicht vollständig überzeugen. Da die Anforderungen der Verbraucher in Bezug auf Produktinformation wachsen, sollte zu den Produktangaben auf der Verpackung auch die Information über die Herkunft der Tiere gehören, meinte der Foodwatch-Chef.
Nach Werksbesichtigung, Diskussion und Schinkenverkostung verabschiedeten sich die Foodwatch-Vertreter mit einem Kompliment an Marktführer unter den deutschen Rohschinkenherstellern: Die meisten Lebensmittelproduzenten würden seiner Organisation Panikmache und Skandalisierung vorwerfen. Deshalb könne Foodwatch nur mit wenigen Herstellern in sachliche und konstruktive Diskussionen eintreten könne, wie er sie im Abraham-Schinkenwerk jetzt in Schiltach geführt habe, sagte Thilo Bode. Christian Schröder versicherte, dass für Abraham Transparenz zum Kern der Firmenphilosophie zähle und man für Impulse und sachlich vorgetragene, konstruktive Kritik auch dann aufgeschlossen sei, wenn diese von Kritikern der Ernährungswirtschaft vorgebracht werde.






